Angela - junge Autorin

1. Kapitel

No place like home

Honne

 

Wo war denn nun wieder dieser verdammte Bleistift? Immer wenn man ihn brauchte, war er nicht da. Ich war mir eigentlich sicher gewesen, dass ich ihn am Tag davor auf meinen Notizblock gelegt hatte. Der Block war da, doch der Stift nicht. Ich fand aber auch keinen anderen Bleistift in meinem Zimmer. Ich sah nochmal unter meinem Bett nach, wo der Notizblock auch gelegen hatte. Nichts. Doch da war etwas anderes, ganz hinten an der Wand, so dass man es nicht gleich sah. Ich holte es hervor und wusste sofort was es war. Ich hatte alle Erinnerungen an meine alte Stadt in einer Kiste aufgehoben. Getrocknete Blumen von den Feldern hinter unserem Haus, Kastanien von dem großen Kastanienbaum im Wald, kleine Liebesbriefchen aus meiner Grundschulzeit mit „Willst du mit mir gehen? Ja, nein, vielleicht“ drauf, meinen alten Teddybären, der schon ganz zerschlissen und abgenutzt war, Fotos von unserem Haus, den Feldern, dem Garten, dem Wald, meinen Freundinnen und… Ich fand ein Foto von mir und meinem Freund. Meinem festen Freund. Als ich vor einem halben Jahr von unserer kleinen Stadt in Bayern nach Berlin gezogen war, hatten wir uns geschworen immer zusammenzubleiben, egal wie weit wir voneinander entfernt waren. Am Anfang hielten wir den Kontakt, telefonierten jeden Tag und schrieben bei WhatsApp. Doch nach ungefähr einem Monat, wurde das immer weniger und irgendwann telefonierten wir gar nicht mehr. Wenn ich bei ihm anrief ging nur die Mailbox ran und auf meine Nachrichten antwortete er auch nicht mehr. Ich hatte gefühlte 100 Mal auf seine Mailbox gesprochen und doppelt so viele „Wie geht’s?“ geschrieben. Doch ich hatte nie eine Antwort darauf bekommen. Irgendwann hatte ich es aufgegeben und hatte eingesehen, dass eine Fernbeziehung einfach nicht funktionieren konnte. Seit ich umgezogen war hatte ich ihn auch nicht mehr gesehen. Ich riss das Foto genau da durch, dass ich einmal eine Hälfte mit mir und einmal eine Hälfte mit ihm drauf hatte. Dann schmiss ich die beiden Teile zurück in den Karton, machte den Deckel zu und schob ihm wieder weit unter mein Bett. Auch zu meinen Freundinnen war der Kontakt irgendwann abgebrochen. Als ich mich von meinem Bett abwandte sah ich meinen Bleistift auf dem Boden liegen, halb unter meinem T-Shirt vom vorherigen Tag. Ich hob ihn auf, nahm meinen Notizblock, ging zum Fensterbrett und setzte mich darauf. Dann klappte ich den Block auf und arbeitete weiter an dem Song, den ich am Abend davor angefangen hatte. Ich schrieb die Songs für niemand bestimmten, ich sang auch nicht besonders gut. Ich spielte Gitarre und sang dabei leise vor mich hin. Niemand wusste davon, nicht einmal meine Eltern. Ich hatte mit dem schreiben angefangen, als wir vor einem halben Jahr in die Hauptstadt gezogen waren. Ich konnte mein Leben und meine Probleme dabei wunderbar vergessen und einfach meine Gefühle auf Papier verbannen.

Ich ging hier auf das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, hatte aber noch keine Freunde gefunden. Um ehrlich zu sein, habe ich noch gar nicht wirklich nach welchen gesucht. Seit ich von meinen letzten so enttäuscht worden war, hatte ich keine Lust mehr auf irgendwelche Freundschaften. Meine Eltern fragten mich immer, ob ich nicht mal Freunde mit nach Hause bringen, oder mit meinen Freunden etwas unternehmen wollte. Ich wich ihren Fragen meistens aus und erfand Ausreden, doch manchmal log ich sie auch an und ging aus dem Haus mit dem Vorwand mit meinen Freunden ins Kino oder zum Shoppen zu gehen. Entweder tat ich das dann allein oder ich lief ziellos durch die Stadt bis ich wieder nach Hause konnte, ohne dass meine Eltern Verdacht schöpften. Ich war gern allein und schrieb an meinen Songs. Allerdings war ich nicht sonderlich gut in der Schule. Das war ich noch nie gewesen, doch ich hatte es jedes Jahr wieder geschafft. Deswegen zog bei meinen Eltern die Ausrede, dass ich noch lernen musste, immer. Nur mit dem Problem, dass ich dann nicht wirklich lernte. Zum Glück waren meine Eltern meistens bis zum Abend arbeiten, und ich hatte die Wohnung für mich allein.

Irgendwie konnte ich mich heute aber nicht richtig auf den Song vor mir konzentrieren. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu meinem Ex-Freund und meinen ehemaligen Freundinnen ab. Schließlich gab ich es auf und schmiss den Notizblock und den Stift auf den Boden. Dann sah ich aus dem Fenster und dem bunten Treiben unten auf der Straße zu.

Die Geschäftsleute rannten, ohne auch nur nach links oder rechts oder auf die Obdachlosen am Straßenrand zu schauen über den Gehweg. Eine Gruppe von etwa fünf Jugendlichen schlenderte lachend über die Straße. Doch etwas zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein junger Afrikaner, wahrscheinlich ein Asylbewerber, der immer wieder bei den Obdachlosen anhielt und sich zu ihnen setzte. Er redete kurz mit ihm und drückte ihnen dann einen Schein in die Hand. Dann stand er auf und ging weiter zu dem nächsten am Boden sitzenden Menschen. Er tat bei jedem Obdachlosen das Gleiche. Das Handeln von diesem Mann, der wahrscheinlich selbst nicht so viel Geld hat, berührte mich zutiefst. Er kümmerte sich um andere arme Menschen, die noch weniger hatten als er. Dieser Mann regte mich zu einem neuen Song an. Ich hob meinen Block und meinen Bleistift wieder auf und schlug eine neue Seite auf.

 

Als meine Eltern von der Arbeit zurückkamen, war ich gerade mit dem Song fertiggeworden. Ich hatte fast zwei Stunden daran gesessen, bis er endlich perfekt gewesen ist. Meine Mutter rief mich zum Essen und ich verstaute meinen Block wieder unter dem Bett. Ich vermied es noch einen Blick auf den Karton mit meinen Erinnerungen zu werfen. Ich würde ihn bei der nächsten Möglichkeit entsorgen.

 

Nach dem Essen und dem Abwasch zog ich mich wieder in mein Zimmer zurück. Ich nahm meine Gitarre und meinen Notizblock heraus und spielte den Song über den Mann, der anderen Menschen half, obwohl er selbst nicht viel besaß. Als ich den letzten Akkord gespielt hatte, klopfte es leise an meiner Tür und meine Mutter kam herein. „Was hast du da gerade gespielt? Das war wunderschön!“ „Ach, das war nur so eine Idee von mir.“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung und wollte den Block zuklappen, doch meine Mutter war schneller und nahm ihn mir aus der Hand. „Hey, gib den wieder her!“ Doch sie hörte nicht auf mich, sondern schlug die erste Seite auf und las alle meine Songs aufmerksam durch. Nach einer Weile, als sie wieder bei meinem letzten angekommen war, meinte sie: „Du hast Talent, Fee! Du solltest etwas aus dir und deiner Stimme machen!“ Sie gab mir den Block zurück und verließ ohne noch ein weiteres Wort zu sagen den Raum. Ich war völlig verwirrt. War das eben wirklich meine Mutter gewesen? Ich konnte es fast nicht glauben, wenn ich sie nicht selbst vor mir gesehen hätte. Es war das erste Mal, dass ich von meiner Mutter ein Lob bekommen hatte. Für sie war ich immer nur die schlechte Schülerin und die, die nicht an die Zukunft dachte, sondern lieber mit Träumereien lebte. Es stimmte schon, ich dachte nicht sehr viel an meine Zukunft, aber für das war die Jugend doch da. Dass man keine Sorgen und die beste Zeit seines Lebens hatte. Doch meine Mutter hatte so etwas noch nie verstanden. Für sie musste immer alles perfekt durchgeplant sein und alles musste nach ihrer Pfeife tanzen. Doch ich tat das nie und hatte das auch noch nie getan. Deswegen hatte ich auch noch nie ein Lob von ihr bekommen. Und deswegen wollte ich ihr auch nicht von meinen Songs erzählen, weil sie das nur wieder als Träumerei angesehen hätte und nicht als meine Zukunftspläne.

Ich dachte noch etwas über die Worte meiner Mutter nach, bis ich zu müde wurde um noch einen klaren Gedanken zu fassen. So machte ich mich fertig und kroch unter meine Decke. Ich schlief sofort ein, sobald mein Kopf das Kissen berührte.

 

Der Mann ging neben mir her und machte bei jedem Obdachlosen, der auf der Straße saß, Halt. Ich setzte mich mit ihm auf den Boden und beteiligte mich an den Gesprächen zwischen ihm und den fremden Menschen. Auch ich gab ihnen bevor wir weitergingen etwas Geld und verabschiedete mich. Doch ich spürte, dass ich das nicht wirklich war. Ich schwebte viel mehr über meinem Körper und dem Mann und sah den beiden zu, wie eine unbeteiligte Person. Deshalb wusste ich auch, dass das ein Traum sein musste. Doch ich versuchte nicht aufzuwachen, wie sonst bei meinen anderen Träumen. Denn dieser war nicht so traurig, oder grausam wie die übrigen Träume. Ich sah den beiden Personen unter mir auf der Straße noch eine ganze Weile zu. Doch plötzlich erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Ein seltsames Klingeln erfüllte die Luft, doch die anderen Menschen auf der Straße schienen das nicht mitzubekommen. Sie gingen ganz normal weiter, als ob nichts sei. Ich brauchte einige Zeit bis ich begriff, dass dieses komische Klingeln von meinem Wecker kam.

 

Ich schreckte auf und stöhnte, als ich auf meinen Wecker sah. Ich schaltete ihn aus und stieg aus dem Bett. Es war ein schöner Traum gewesen, doch schon verblassten die Bilder und als ich unter der Dusche stand, konnte ich mich an fast gar nichts mehr davon erinnern, außer an das Lächeln des Mannes und das der Obdachlosen, wenn wir mit ihnen sprachen und ihnen Geld gaben. Jetzt wusste ich, warum dieser fremde Mann das machte: Weil er andere Menschen damit glücklich machte, und das machte dich selbst auch irgendwie glücklich. In diesem Moment als ich darüber nachdachte fasste ich den Entschluss diesen Mann zu suchen. Er machte das bestimmt öfter, und irgendwann würde ich ihn schon finden. Ich duschte schnell fertig und flocht meine Locken zu einem seitlichen Zopf, da ich keine Lust hatte sie zu föhnen. Meine Eltern waren noch im Bett, sie würden kurz nach dem ich aus dem Haus war aufstehen und dann in die Arbeit gehen. Ich ging in mein Zimmer und zog eine helle Jeans mit Löchern und ein Tank Top heraus. Nachdem ich mich angezogen und etwas geschminkt hatte, ich trug nur Wimperntusche, Kajal und etwas Puder auf, ging ich in die Küche, trank ein Glas Orangensaft und aß eine Schüssel Cornflakes. Dann zog ich meine Stiefeletten und meine Lederjacke an, nahm meine Tasche, meinen Ordner und den Schlüssel und zog die Tür hinter mir zu.

 

Als ich in der Schule ankam war ich schon fast zu spät dran. Das Nachdenken über meinen Traum in der Dusche, hatte offenbar doch zu viel Zeit gekostet. Mein Mathelehrer Herr Singer war schon da und wollte gerade anfangen, als ich ins Klassenzimmer stürmte. Er bedachte mich mit einem zornigen Blick, sagte aber nichts sondern begann sofort mit seinem, wie immer langweiligen, Unterricht. Ich ging zu meinem Platz ganz hinten im Klassenzimmer, setzte mich und versuchte dem Lehrer vorne zu folgen, doch Mathe war wirklich nicht meine Stärke und bei Herr Singer würde sich das auch nicht ändern. Nach fünf Minuten stieg ich aus und sah aus dem Fenster. Unten auf dem Schulhof hüpfte ein einsamer Spatz herum. Nach einer Weile flog er zu einem Baum, an dem schon die Hälfte der Blätter fehlte und setzte sich auf einen der oberen Äste. Jetzt kam auch unser Hausmeister Herr Huber mit einem Rechen und rechte die herumliegenden Blätter auf. Meine Gedanken schweiften wieder zu meinem Vorhaben heute Nachmittag ab. Ich hatte beschlossen von meinem Fenster aus zu beobachten, ob der fremde Mann kam, und wenn ja, dass ich dann zu ihm nach unten ging und ihn ansprach. Ich wusste zwar noch nicht was ich sagen wollte, aber ich wollte dieses Vorhaben auf jeden Fall umsetzen. Doch mittlerweile kamen mir auch Zweifel. Ich würde mich wahrscheinlich ziemlich blöd anstellen und keinen vernünftigen Satz herausbekommen. Ich wollte es trotzdem durchziehen, da war ich mir sicher. Plötzlich stand Herr Singer vor meinem Tisch. „Fee? Könntest du mir bitte meine Frage beantworten?“ „Entschuldigen Sie Herr Singer, ich habe Ihnen gerade nicht ganz folgen können!“ Er sah mich verdutzt an. Er hatte wahrscheinlich erwartet, dass ich nur kleinlaut den Kopf schütteln würde, aber dass ich eine so schnippische Antwort geben würde hatte er nicht erwartet. Ein paar meiner Mitschüler grinsten vor sich hin. „Ich hatte gefragt, wie die erste binomische Formel lautet!“, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte. Doch genau in diesem Moment klingelte es zum Zeichen, dass die Stunde aus war. Aber niemand verließ das Klassenzimmer, da ich gerade tief Luft geholt hatte um noch etwas zu sagen: „Tja, tut mir wirklich leid Herr Singer, ich hätte mit ihnen noch gerne über binomische Formeln gequatscht, aber leider müssen wir nun zu unserer nächsten Stunde gehen. Frau Kratzer hat es nämlich nicht gern, wenn wir zu spät kommen!“ Damit stand ich auf, nahm meine Tasche, meinen Ordner und meine Jacke und ging an meinem irritierten Lehrer vorbei zu Tür. Die anderen sahen mir sprachlos nach, bis sie auch langsam aufstanden und mir folgten.

 

Der restliche Vormittag verging quälend langsam. Niemand hatte noch ein Wort über den Vorfall in Mathe verloren. Doch die anderen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen, wenn ich vorbeiging. Sie hatten wohl genauso wenig, wie Herr Singer, damit gerechnet, dass die sonst so stille und in sich gekehrte Fee aus Bayern so etwas Provozierendes sagen könnte und das auch noch zu einem Lehrer. Daran sah man mal wieder, wie wenig sie mich alle kannten. In meiner alten Schule war ich berüchtigt dafür gewesen, schnippische Antworten auf die Fragen meiner Lehrer zu geben. Doch hier hatte ich mich eigentlich noch nie richtig am Unterricht beteiligt. Ein paar der anderen hatten am Anfang mal versucht Freundschaften mit mir zu schließen, doch ich hatte sie abblitzen lassen. Ich glaubte einfach nicht mehr an wirkliche Freundschaft für immer.

 

 

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27.9.15 08:45, kommentieren